Auszeit nehmen: Zwischenstand nach 4 Monaten

Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2 der Reihe „Auszeit nehmen“.
auszeit nehmen
Vier Monate Auszeit sind vorbei. Zeit für einen Zwischenstand, ein Innehalten und einen klitzekleinen Blick nach vorne.

Was hab ich in der Zeit gemacht?

Man könnte sagen: radikal ausgemistet. Und zwar keine Dinge, sondern Tätigkeiten, die mir gerade keine Freude machen. Oder Tätigkeiten, die mir, so wie ich sie gerade tue, keine Freude machen.

Ich habe versucht, möglichst auf meine Bedürfnisse zu hören und entsprechend zu schauen, wonach mir gerade ist. Und ich habe bei vielen Dingen gemerkt, dass ich sie eher in der Hoffnung mache, dass sie bestimmte Bedürfnisse erfüllen, anstatt dass sie es tatsächlich tun.

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Aber was hab ich konkret gemacht? Ich habe tatsächlich deutlich mehr Zeit auf dem Sofa verbracht, als früher. Ich denke, das war nötig, denn vor meiner Auszeit mangelte es mir sehr an Ruhe und Erholung und ich fühlte mich ständig erschöpft. Und ich merke auch, dass das noch nicht vorbei ist.

Ich habe Freundschaften gepflegt und erneuert und neu aufgenommen. Dabei habe ich vor allem Treffen zu zweit gesucht, für möglichst intensive und bedeutsame Gespräche. Anstatt zu warten, bis sich mal jemand bei mir meldet (wie ich das früher oft getan habe), bin ich auf die Menschen zugegangen, mit denen ich gerade Kontakt haben wollte.

Ich habe mir sehr viel Zeit für persönliches Wachstum genommen. Insbesondere habe ich ein Jahrestraining Gewaltfreie Kommunikation besucht. Geplant sind für dieses Jahr noch zwei weitere Seminare, an denen ich teilnehmen will. Die GFK gibt mir ein Werkzeug in die Hand, mit dem ich sowohl mich selbst als auch andere besser verstehen kann.
Ich nehme mir immer wieder bewusst Zeit, um zu schauen, wie es mir gerade geht und was ich brauche. Ich schreibe fast täglich in mein Tagebuch. In mir hat sich in der Zeit wahnsinnig viel verändert und ich merke, dass noch so viel mehr möglich ist.

Ich war aktiv für Umwelt, Tiere und Gesellschaft. Dabei habe ich mir immer wieder die Frage gestellt: Was ist wie effizient und wirksam? Ich bin oft unzufrieden damit, wie wirksam ich Stände, Aktionen und Veranstaltungen einschätze. Ich will keine Eulen nach Athen tragen und ich will niemanden belehren. Aber ich will trotzdem, dass sich etwas ändert!

Wie geht es mir nach diesen vier Monaten?

Gerade bin ich erfüllt mit Dankbarkeit, dass diese Auszeit für mich möglich ist und dass ich mir trotz vieler erschwerender Glaubenssätze1 diese Zeit nehme.

Gleichzeitig werde ich langsam unruhig, weil der Druck in mir steigt, sich zu überlegen, wie es danach weitergehen könnte.
Das ist auch nicht neu: Druck meldete sich in den vergangenen Monaten immer wieder auf die verschiedensten Arten. Am häufigsten meldete sich der Druck, etwas „Sinnvolles“ zu tun, wenn ich schon so viel Zeit habe.

Wie lange wird diese Auszeit noch gehen und wie geht es dann weiter?

Gerade denke ich, dass bis Oktober oder November eine gute Zeit wäre – den freien Sommer will ich noch genießen! Aber was danach passieren soll, das ist mir noch ganz schleierhaft. Ich weiß, dass ich auf keinen Fall mehr als 20 Stunden in der Woche arbeiten will. Ich kann mir nicht gut vorstellen, in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten. Und ich kann mir ebenfalls nicht gut vorstellen in den Arbeitsbereichen zu arbeiten, in denen ich bisher gearbeitet habe.

Tja, was bleibt dann noch? Eine Form von geldfrei leben? Eine Art von Selbstständigkeit?
Vor allem aber: rausfinden, was ich kann oder das Potenzial habe zu können und gleichzeitig liebe zu tun. Und: sich von dem Gedanken verabschieden, dass ich eine Bezahlung brauche für etwas, das ich liebe zu tun – sondern es einfach tun.

Zum Abschluss möchte ich ein provokantes Zitat aus „Sei nicht nett, sei echt“ von Kelly Bryson2, das mich durch das letzte Wochenende begleitet hat, mit dir teilen:

Möchtest du für deinen Lebensunterhalt arbeiten oder nach einer Möglichkeit suchen, für dein Spielen bezahlt zu werden?

Hier geht’s zu Teil 4: 1 Jahr Auszeit – Erfahrungen, die ich teilen möchte

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  1. die z.B. sagen: Nur wer produktiv ist und viel arbeitet, ist etwas wert. []
  2. Kelly Bryson ist Trainer für Gewaltfreie Kommunikation und das ist seine Website: Language of Compassion []

9 Gedanken zu “Auszeit nehmen: Zwischenstand nach 4 Monaten

  1. Pingback: Auszeit nehmen - nachhaltig mit mir selbst umgehen - Niemblog

  2. Pingback: Auszeit nehmen - "ich muss"-Gedanken auflösen - Niemblog

  3. Interessant zu lesen. Ich kann es irgendwie auch schwer verstehen, dass möglichst viel zu Arbeiten eine solch hohe Wertigkeit in unserer Gesellschaft hat. Vorallem weil viele Arbeiten ja auch nicht gerade dazu beitragen, die Menschheit voran zu bringen oder sogar schädlich für die Umwelt sind. Ich habe in den letzten Jahren auch immer wieder von vielen Leuten (gerade von Studenten!) mitbekommen, wie sie mit sich selbst unzufrieden sind, weil sie ihrer Meinung nach ‚zu wenig‘ arbeiten oder sich als zu faul einschätzen. Dadurch sind die Leute mit sich selbst unzufrieden und befinden sich irgendwie stets in einem Teufelskreis aus überarbeiten und überarbeitet sein. Wobei ständig die Angst mitschwingt, zu schlecht für irgendetwas zu sein oder von anderen abgehängt zu werden. Ich kann das irgendwie nicht verstehen. Ich mache meinen Wert und den Wert anderer auf jedenfall nicht von der Leistungsfähigkeit abhängig. Man sagt doch auch nicht. „Den mag ich, denn der arbeitet so viel!“ Naja ich bin mal gespannt, wie es bei mir nach dem Studium wird. Ich will zumindest keine Maschine werden (außer vielleicht eine mit Emotionen) :-) Ist auf jedenfall interessant deine Erfahrungen zu lesen, da mich diese Dinge momentan auch recht beschäftigen. ich hoffe dir geht’s gut, soweit ;-)

    Liebe Grüße

    • Lieber Adrian,
      Ich finde dein „Den mag ich, denn er arbeitet so viel.“ bringt es wunderbar auf den Punkt. Denn so ist es ja nicht. Erstaunlicherweise ist aber der Satz irgendwie andersrum in unseren Köpfen fest verankert: „Ich mag mich nur, wenn ich genug arbeite.“ Nur, dass „genug“ nie erreicht wird.

      Bis bald!

  4. Pingback: Glückstagebuch führen - dankbar sein - die Welt verändern! - Niemblog

  5. Sowohl die Auszeit als auch Dein Vorsatz, maximal 20 Stunden pro Woche für Geld zu arbeiten ist wunderbar. Angesichts von dramatisch Überproduktion und Überkonsum gibt es in den Industrieländern keine ethische Pflicht mehr zu arbeiten, es ist sogar andersherum: es gibt die ethische Pflicht sich von Erwerbsarbeit fernzuhalten, sofern man damit nicht etwas zweifelsfrei Positives tut was kein anderer gut genug macht (z.B. die Arbeit in der Altenpflege erscheint mir noch sinnvoll, ebenso manche Handwerker die Dinge reparieren und damit Neuproduktion verhindern). Aber Du tust ja mit dem Blog schon etwas viel Wertvolleres als 90 % der Erwerbsbevölkerung. Großartig!

    • Einerseits gefällt mir dein Gedanke sehr, dass es unsere ethische Pflicht ist, sich von Erwerbsarbeit fernzuhalten, insofern man nichts einwandfrei Positives dadurch bewirkt. Auf der anderen Seite habe ich etwas Probleme mit dem Ausdruck „ethische Pflicht“. Dadurch, dass ich Menschen sage, was ich denke, dass ihre „Pflicht“ ist, erreiche ich unter Umständen das Gegenteil. Denn dadurch verhärten sich leider oft Abwehr-Reaktionen (Prinzip Reaktanz). Tatsächlich glaube ich aber, dass alle Menschen eigentlich auch lieber zu einer schöneren Welt beitragen als nicht beitragen, wir sind nur leider zu verstrickt in unsere Alltäglichkeiten (40-Stunden-Woche) und in die Überzeugungen, mit denen wir aufgewachsen sind, dass es enorme Kräfte kostet, da heraus handlungsfähig zu werden.

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