Mein erstes Tramp-Abenteuer

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Meine ersten Tramp-Erfahrungen

Letztes Wochenende habe ich mich zum ersten Mal getraut, eine längere Strecke zu trampen – für mich bedeutet das: länger als die 10km zwischen Bahnhof und Heimatdorf. Das war für mich eine wunderbare Erfahrung und ein Abenteuer, und ich möchte dich gerne daran teilhaben lassen.

Es lagen ca. 300km zwischen mir und dem Ort, zu dem ich wollte. Ich war schon einen Tag, bevor es losging, ultra-aufgeregt und habe hin und her überlegt, wie, wann und wo ich am besten starten sollte.

Warum ich unbedingt trampen wollte

Warum sollte ich überhaupt etwas tun, das mich so aufgeregt macht und mir auch ein klitzekleines bisschen Angst einflößt? Um umweltfreundlich von einem Ort zum anderen zu kommen, gibt es schließlich auch andere Möglichkeiten, z.B. die Bahn, Fernbusse oder Mitfahrgelegenheiten.

Einmal ist es natürlich ein Unterschied, ob ich 80€ (Bahn), 40€ (Fernbus, Mitfahrgelegenheit) zahle, oder 0€.
Vor allem aber hatte ich die Idee, dass es für mich bereichernd sein könnte. Und dass es mir helfen würde, mich auch in Sicherheit zu fühlen, wenn ich nicht zu Hause oder unter Freunden bin. Dass es mein Vertrauen in die Welt stärken würde. Und dass es mir gut täte, meine Komfortzone zu erweitern.

Warum liegt Trampen (noch) außerhalb meiner Komfortzone?

Ich mache mir Sorgen, dass ich mit den Menschen, mit denen ich unter Umständen lange fahre, kein gemeinsames Thema finde. Daraus resultiert die Sorge, dass die Fahrt für meine/n FahrerIn nicht angenehm sein könnte und ich mich langweile könnte. Außerdem habe ich ein bisschen Angst davor, abgelehnt und nicht mitgenommen zu werden. Und ich fühle mich krass exponiert, wenn ich irgendwo stehe und meinen Daumen raushalte oder auch Menschen anspreche.

Mir hat sehr geholfen, dass ich vor ein paar Jahren meine ersten Kurzstrecken-Tramp-Erfahrungen gemacht habe. Diese waren rundum positiv und konnten mir viel von der Angst nehmen, nicht mitgenommen zu werden. Dadurch, dass ich immer nur maximal 15 Minuten mit einer Person mitgefahren bin, brauchte ich mir auch noch keine Sorgen um ein Gesprächsthema machen.

Wenn dir Trampen Angst macht, du’s aber trotzdem unbedingt mal ausprobieren willst

Viele Menschen haben Angst vor dem Trampen oder davor, TramperInnen mitzunehmen. Wenn du jemand bist, der diese Angst hat, aber trotzdem gerne mal trampen willst, versuch dich mit kleinen Schritten ranzutasten. Frage am besten am Anfang direkt. So kannst du dir die Personen aussuchen, die du am sympathischsten findest. Vielleicht fragst du eine/n Freund/in, ob sie mitmachen möchte. Oder du versuchst es erstmal über eine Online-Mitfahr-Börse. Das hier waren meine ersten zaghaften Tramp-Versuche.

Im HitchWiki findest du einige Tipps für dein eigenes erstes Tramp-Abenteuer.

Meine Erlebnisse bei 300km Trampen

Ich wohne relativ nah an einer Autobahn-Auffahrt. Daher schien es mir naheliegend, dort hinzulaufen, mein Schildchen hochzuhalten und den Daumen raus zu strecken. Und dann wartete ich erstmal. Und wartete. Ein Auto nach dem anderen brauste vorbei. Zweimal hielt jemand und fragte, ob es mir etwas brächte, 20km weiter zu kommen. Leider nein. Dann endlich – eine Stunde hatte ich gewartet – hielt Frank und bot mir an, mich bis zur nächsten Raststätte mitnehmen. Juhu!

Frank mochte ich sofort – wir hatten zwar nicht so viel Zeit miteinander, aber es war total schön etwas über ihn zu erfahren und differenzierte Meinungen auszutauschen.

An der Raststätte schaute ich mich erstmal um. Ich war recht entspannt und hatte so den Gedanken, dass ich mir ja nun aussuchen könnte, bei wem ich mitfahren will. Ich lief ein bisschen rum, fragte Menschen, die ich sympathisch fand, aß meine Brotzeit und lief noch ein bisschen mehr rum. Dann fragte ich alle, die mir begegneten. Unter anderem auch das ältere Ehepaar mit dem Gießener Kennzeichen. Denn in die Gegend wollte ich.

Wider erwarten mitgenommen, Stau und Auto-Schlaf

Eigentlich sahen die beiden nicht so aus wie Menschen, die TramperInnen mitnehmen. Deswegen fragte ich ein bisschen zaghaft und guckte ein bisschen hoffnungsvoll. Und irgendwie nahmen sie sich dann doch ein Herz und los ging es! Dieses Mal döste ich ein wenig hinten im Auto und redete recht wenig mit den beiden. Wir standen fast mehr als wir fuhren, denn es gab einen monströsen Stau. Aber irgendwann kamen wir dann zu einer Raststätte kurz vor Gießen. Dort verließen mich die beiden. Es wurde langsam abend.

Auf der Raststätte war nicht so viel los, viele Familien mit komplett vollem Auto waren unterwegs. Und kaum einer fuhr dorthin, wo ich hin wollte. Dann traf ich Gerd. Der fuhr zwar auch nur nach Gießen und nicht weiter, aber von dort aus konnte ich gut mit dem Zug die Reststrecke fahren. Das war mir dann lieber, als abzuwarten, bis doch noch ein Mensch genau da hin fuhr, wo ich hin wollte.

Die letzte Etappe mit Gerd und eine Zugfahrt

Gerd war auch ein wunderbarer Mensch, mit dem ich mich die ganze Fahrt über lebhaft und intensiv unterhalten konnte. Er fuhr mich extra direkt zum Bahnhof nach Gießen, obwohl er eigentlich außerhalb wohnte und schon den ganzen Tag unterwegs war.

In Gießen angekommen galt es dann noch die letzte Etappe mit dem Zug und zu Fuß zurückzulegen. Das war dann noch eine halbe Stunde Fahrt, 5€ für den Zug und eine halbe Stunde Fußmarsch. Und dann war ich nach 8 Stunden am Ziel angekommen!

Zum Vergleich: Mit dem eigenen Auto wären es ca. 3h (+2h Stau) gewesen. Mit dem Zug ca. 5h (+ Verspätung??). Mit dem Fernbus ca. 7,5h (+ Stau??).

Rückfahrt – Entspannung hoch 2

Bei der Rückfahrt hatte ich das Glück, dass mich die Freunde, mit denen ich mich getroffen hatte, direkt an einer Raststätte an der A3 rausließen. Von dort aus musste ich theoretisch nur noch die A3 nach Süd-Osten fahren. Mit etwas Glück könnte ich also in einem Rutsch nach Hause kommen!

An der Raststätte fühlte ich mich ein bisschen unwohl. Ich lief ein bisschen rum, am Ende blieb ich aber an einer Stelle stehen und passte dort die Menschen ab, die zurück zu ihren Autos liefen. Die meisten fuhren irgendwo anders hin. Einer fuhr nach Nürnberg, war aber nicht bereit mich mitzunehmen. Puh, das hat mich ganz schön getroffen. Zuerst habe ich mir Gedanken gemacht, ob das irgendwie damit zusammenhängt, wie ich gekleidet bin, wie ich wirke oder sonstetwas. Aber dann sagte ich mir, dass es wahrscheinlich nichts mit mir zu tun hat.

Und dann traf ich Herbert. Er zögerte kurz, aber dann sagte er: Na gut, komm mit. Ich war so erleichtert! Zwar war ich noch nicht sehr lange an der Raststätte gestanden, aber der Mann, der mich nicht mitnehmen wollte, hat meine Stimmung doch ganz schön getrübt.

Mit Herbert hatte ich eine ganz wunderbare Fahrt nach Hause. Wir hangelten uns von einem Thema zum nächsten, immer wieder mit angenehmen Gesprächspausen und zwischendrin Pink Floyd mit „Another Brick in the Wall“ auf der Rock Antenne. Wir fuhren auf einem Regenbogen mitten auf der Autobahn und am Ende umarmten wir uns und ich lief das letzte Stückchen ganz erfüllt und dankbar nach Hause.

Und diesmal brauchte ich nur 5 Stunden.

Was für mich so besonders schön war am Trampen

Dankbarkeit – Ich glaube, ich fühlte mich selten im Leben so dankbar, wie in dem Moment, an dem jemand sagte: Ja klar, ich nehm dich mit! Und wir wissen ja: Dankbarkeit macht glücklich!

Über den Tellerrand schauen
– Ich lebe manchmal in meiner Blase, in der ich gar nicht mehr viel von Menschen, die anders denken als ich, mitbekomme. Mir tat es gut, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich sonst nicht treffen würde und zu hören, was sie beschäftigt.

Abenteuer – Wir lesen/fernsehen/spielen so viel und erleben Abenteuer nur noch im Kopf, anstatt in der echten Welt. Ich fand es ziemlich abenteuerlich zu trampen!

Begegnungen – Was für wunderbare Begegnungen möglich sind, wenn wir uns fernab von ausgetretenen Pfaden bewegen!

Wie ist das bei dir? Würdest du dich trauen zu trampen? Oder bist du bereits versierte/r TramperIn? Was sind deine Gründe zu trampen?

2 Gedanken zu “Mein erstes Tramp-Abenteuer

  1. Hey Sabrina, ich trampe schon seit knapp 10 Jahren mal lange mal kurze Touren… Ich finds gut, wenn mehr wieder damit anfangen würden…. In Osteuropa sind noch ganz viele Tramper unterwegs in Deutschland ist es leider zur Seltenheit geworden… Naja egal.. Ich bin der jenige der Aussteigen will, aber dennoch in der Gesellschaft bleiben will. Es ist wirklich schwierig den Weg zu gehen, wenn man nie was anderes als das Systemdenken gelernt hat. Ich hasse es, aber leider lebt auch jeder drinnen. Es ist halt schwierig aber ich werde es wohl machen… Ich hoffe das eines Tages Babylonien in Frieden abrennt und wir endlich kapieren, das andere Dinge viel wichtiger sind als unsere Rente an der Börse zu verzocken oder Öl und Gas zu fördern um es dann zu verbennen. Ach was wäre das für ein Bild, wenn an jeder Bank ein Schild steht mit der Aufschrift: „Wegen Insolvenz geschlossen“ und vor jeden Regierungsgebäude: „Wir haben euch verarscht und jetzt mussten wir dafür zahlen“. Und wir Menschen mit der Natur und Mutter Erde wieder eine Symbiose eingehen, welche sich gegenseitig gutes tut. Und unsere Umweltbelastungen anfangen zu kompensieren.. Ach was wäre das für ne „geile“ Welt? Vielleicht bin ich auch zu radikal!? Ich hab ja selbst etwas gegen Solarstrom in seiner heutigen Form. Ich finde es immer grausam wenn ich ne solar power plant sehe, welche in nen ehemaligen Feld steht… Ich verstehs nicht, weil das ist einfach kein Ökostrom… Ist es denn Ökostrom, wenn ich auf Flächen wo vorher alles grün war schwarze Solarpanel aufstelle? Wird das unsere Klimabilanz retten? Ich wage es zu bezweifeln… Da gibts mit Sicherheit andere Lösungen, ich kenne auch ein paar! War schon in vielen Ökodörfern und habe viel gelernt. Ich denk das System ist am Arsch und die Probleme sind nur komunal zu lösen. Vielleicht muss jedes Dorf wieder mit einer eigenen Ökonomie auftreten. Also quasi so: Bauernhof, Bäcker, Schneider, Schuhmacher etc……… In Komination mit einer geldfreien Gesellschaft… Wär die Gesellschaft geldfrei würde wahrscheinlich keine Firma darauf angewiesen sein nach Asien zu gehen um Schuhe zu fertigen. Somit hat der Schuhmacher wieder eine Chance und viele andere vom aussterben bedrohte Berufe könnten wieder Fuß fassen. Ja wahrscheinlich macht es Sinn die Monopolisierung rückgängig zu machen und jedes Dorf, jede Stadt autark zu machen.

    • Lieber Julian, ich freue mich, wieder von dir zu hören!
      Klingt, als wärst du schon ganz schön viel rumgekommen und als hättest du wirklich viele gute Ideen! Ich träume auch von einer Gesellschaft, in der bedingungslos alles aus freiem Willen geteilt wird. Und ich denke, dass du recht damit hast, dass das einfacher in einem kleinen Rahmen (wie einem Dorf) ist – nur wie kann das in einem größeren Rahmen aussehen? Kann es den überhaupt geben?
      Was sind deine konkreten Pläne für dein Aussteigen und Teil der Gesellschaft bleiben?

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