Cloud Atlas – eine Art Rezension

Cloud Atlas von David Mitchell Rezension
Heute gibt es mal etwas anderes im Niemblog: seit drei Jahren liegt diese Rezension in meinen Entwürfen, weil ich mir damals nicht sicher war, ob sie hier reinpasst oder nicht. Aber ich finde sie eigentlich ziemlich gut und das Buch ist wundervoll und einzigartig und passt auch irgendwie zur Thematik im Blog. Also los geht’s:

Seitdem ich den Film „Cloud Atlas“ im Kino gesehen hatte, ließ mich die Geschichte nicht mehr los. Ich musste sofort das Buch von David Mitchell lesen, auf dem der Film basiert. Es ist bereits der dritte Roman des Autors, der für seine ungewöhnliche Art zu erzählen bekannt ist.

„Cloud Atlas“ erzählt eine Geschichte – nein 6 Geschichten – oder doch eine? – in 6 Epochen.

Es beginnt mit einem Tagebuch aus den 1850er Jahren: der Anwalt Adam Ewing reist mit dem Schiff zurück in die Vereinigten Staaten und freundet sich gegen seinen Willen mit einem Schwarzen an.

Sein Tagebuch gelangt 1936 in die Hände des jungen, mittellosen Komponisten Robert Frobisher, der bei einem berühmten, jedoch altersschwachen Komponisten angestellt ist und diesem dabei hilft seine musikalischen Ideen zu Papier zu bringen. Während Frobisher in der Villa des Komponisten lebt und arbeitet, schreibt er Briefe an seinen Geliebten Rufus Sixsmith.

Derselbe Rufus Sixsmith bleibt Jahrzehnte später mit der jungen Journalistin Luisa Rey im Aufzug stecken. Er ist inzwischen Kernphysiker und war an der Planung eines Atomkraftwerks beteiligt, dessen Reaktor allerdings fehlerhaft konstruiert ist. Eine Tatsache, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen soll. Luisa beginnt die Geschichte zu erforschen und legt sich dabei mit dem Konzernchef und dessen Auftragskiller an.

Ihr Manuskript landet viele Jahre später in den Händen des opportunistischen Verlegers Timothy Cavendish, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in einem Altersheim gelandet ist, das besser auf seine Insassen aufpasst als ein Gefängnis.

Lange, lange Zeit später sieht sich der Klon Sonmi-451 die Lebensgeschichte des Verlegers als Kinofilm an, als eines der letzten Überbleibsel jener Zeit. Sonmi-451 ist der zweite Klon, der je ein vollständiges Bewusstsein erlangt hat und wird deswegen verfolgt. Sie verfasst eine Erklärung, mit der sie eine Gleichstellung der Klone fordert und einen menschlicheren Umgang miteinander.

Diese Erklärungen sieht Zachry, ein Ziegenhirte auf dem postapokalyptischen Hawaii, per Zufall auf einem uralten Aufnahmegerät als Hologramm. Er kann damit jedoch nichts anfangen, da er die Sprache nicht versteht. Er freundet sich mit Meronym, der Besitzerin des Geräts, als er sie zu dem Vulkan Mauna Kea führt, wo sie ein altes Observatorium erkunden will.

Die Geschichte erinnert zurecht an eine Matrjoschka, eine russische Puppe, die viele weitere Puppen in sich trägt. Das Pazifiktagebuch von Adam Ewing endet zunächst mitten im Satz, weil der Leser, Robert Frobisher die weiteren Seiten des Tagebuchs nicht finden kann, und macht Platz für dessen Geschichte. Die Briefe von Frobisher an Sixsmith werden aber auch nicht komplett gelesen, da Luisa Rey diese zunächst nur unvollständig zu sehen bekommt. Und auch das Manuskript von Luisa Rey hört mitten in der Geschichte auf, da Cavendish die anderen Hälfte in seinem Büro gelassen hat, als seine Eskapade im Altersheim beginnt. Sonmi wird beim Betrachten des Films unsanft unterbrochen und auch ihre Erklärungen werden von Zachry zunächst nicht komplett angesehen. Zachrys Geschichte ist dann die erste, die am Stück erzählt wird und daraufhin werden auch die anderen Teilgeschichten in umgekehrter Reihenfoge beendet und umschließen sich gegenseitig wie eben jene Matrjoschka.

Jedes Medium, jede Teilgeschichte hat ihre eigene Sprache. Für uns am eingängigsten und am einfachsten zu lesen ist wohl die Kriminalgeschichte von Louisa Rey, die wir in ähnlicher Form schon oft gelesen oder als Film gesehen haben. Auch Cavendishs Geschichte fühlt sich sehr modern an. Ganz anders hingegen das Reisetagebuch von Adam Ewing, das im Stil von Herman Melville, dem Autor von „Moby Dick“, geschrieben wurde. Auch für die Briefe von Robert Frobisher hat sich Mitchell einer Vorlage bedient: Christopher Isherwood, dem Autor von „Lions and Shadows“. Sonmis Interview ähnelt indes eher einem Klatschmagazin, wie Mitchell in einem Interview selbst sagt. Zachrys Geschichte lehnt sich an das Buch „Riddley Walker“ von Russel Hoban an. Diese ist eine besondere Herausforderung für den Leser, da Zachry kein geschriebenes Wort kennt, viele Silben verschluckt und neue Wortschöpfungen bildet.

Neben dem Hauptthema das Buchs – alles ist irgendwie miteinander verbunden – herrscht noch ein weiteres Thema vor: der Widerstand gegen die vorherrschende Weltanschauung, gegen die Diskriminierung Andersartiger. So hat Zachry zu Beginn starke Vorurteile gegen Meronym, die anders aussieht und sich anders verhält als sein eigenes Volk, so kämpft Sonmi für die Gleichstellung von Klonen in der Gesellschaft, so wird Cavendish als „Alter“ in ein Altersheim abgeschoben, obwohl er sich selbst gar nicht für alt hält. So muss sich Louisa als Frau in einer Männerwelt als Journalistin behaupten, so muss Robert Frobisher seine Homosexualität verstecken um Karriere zu machen und so schließt sich Adam Ewing der Abolitionistenbewegung an, gegen den Willen seines einflussreichen Schwiegervaters.

Und so schließt sich der Kreis, als Adam Ewing seinem Schwiegervater Paroli bietet:

Haskell Moore: And for what, for what, no matter what you do it will never amount to anything more than a single drop in a limitless ocean.1
Adam Ewing: What is an ocean but a multitude of drops?2

Diese letzte Szene hat mich sehr berührt. Der Glaube daran, dass nichts vergebens ist; dass alles, was wir tun, einen Einfluss ausübt, etwas bewirkt und zu einem größeren Ganzen beitragen kann.

  1. Und für was, für was, egal, was du tust, es wird nie zu mehr reichen als einen einzelnen Tropfen in einem endlosen Ozean. []
  2. Was ist ein Ozean anderes, als eine Vielzahl von Tropfen? []

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